Einleuchtungen im Mahnmal Aegidienkirche


Foto: Sandro Siebke
von Ingrid Frank

Der Ort

Inge-Rose Lippok
„Ein Raum hat immer einen bestimmten Geist, ob es eine Kirche ist, ob es der Flur einer Schule ist, oder ein Schulzentrum, wo jeden Tag ein paar Hundert Schüler durchmarschieren. Der Geist eines Raumes ist wichtig. Ich als Künstlerin will mich darauf einlassen, ob er etwas bei mir herausfordert, ob er mich anregt. Das ist das Wichtige für mich – Ich weiß ja, dass viele Künstler nicht in Kirchen ausstellen wollen, im Gegenteil, für sie sind das besetzte Räume. Für mich sind Kirchenräume offene grenzenlose Räume. Aber das gilt auch nicht für alle. Es kommt schon auf den speziellen Kirchenraum an. Es gab auch schon Situationen, wo ich was hätte machen sollen und auch schon gemacht habe, und ich sehr unglücklich war, weil ich wusste, dass da ein sehr strenger Geist herrscht, der seinen Raum nicht besetzt haben möchte. Da fühlte ich mich sehr unwohl. Ich kann nicht generell sagen, Kirchenraum ja oder nein. Neutrale Räume müssen mit der Kunst gefüllt werden und mit dem Betrachter. Hier in der Aegidienkirche ist schon so viel da. Der Kunst-betrachter, nicht nur der Kirchengänger und Beter, der findet etwas vor, d.h. er muss unter Umständen Widerstände abbauen, muss reagieren, und das will man mit der Kunst. Dieser Raum fordert auf besondere Weise heraus.“

„Ich empfinde mich als einen christlichen Menschen. Das Christentum ist für mich die Form, in der Menschen einigermaßen zufrieden miteinander leben können. Von daher habe ich kein Problem, es hier auch als geheiligten Raum, als Kirche oder christlichen Ort zu sehen, einerseits. Ich sehe ihn aber auch als Denkmal. Ich hab den Krieg nicht mitgemacht. Diesem Raum wurden Wunden geschlagen, deshalb berührt er. Ich denke, dass hier in Aegidien beides da ist: Kirche und Denkmal, das menschliche, das auch zerstört, und das geistige Leben, zusammenkommend auf besondere Weise.“

Tatjana Prelevic (Komponistin)
„Die ganze Kirche ist ein Fragment, das ist das Faszinierende. Sie ist ein Symbol, etwas Unausgesprochenes. Und etwas Unausgesprochenes lädt zu allen Möglichkeiten ein. Für mich ist es weder Kirche noch Mahnmal, sondern am ehesten ein Symbol, ein Kunstwerk für sich selbst, dadurch dass sie unvollständig, ungenau, zerstört ist. Ich finde, jedes Werk sollte unvollständig sein.“

Hans-Werner Dannowski (Stadtsuperintendent i.R.)
„Für mich ist die Aegidien-Gedenkstätte deshalb ein so starker Raum – einer der stärksten Räume finde ich –, weil er das Fragmentarische, das Ruinenhafte in der Gegenwart präsent hält. Ich denke, das Fragmentarische ist unser Schicksal auch in der Zukunft. Wir werden nie mehr so das Ganze in den Griff bekommen. Nie mehr nach dem Zusammenbruch der ganzheitlichen Welt. Ich glaube, dass die letzte Zeit, die die Welt noch als etwas Einheitliches empfunden hat, das Mittelalter gewesen ist. Dann kam der Auszug – auch in die verschiedenen Konfessionen – und dann kam die Aufklärung, der Zusammenbruch der einheitlichen Welt, das kriegen wir nie mehr zusammen. Aber im Fragment die Ahnung des Ganzen behalten ist möglich. Das ist ein Fragment, eine Ruine, das kann ich ausphantasieren. Da kann jeder seine eigene Kirche daraus machen, und die ist wahrscheinlich wichtiger, als wenn die Kirche erhalten geblieben wäre.“

Foto: Sandro Siebke
Jan Hellwig (Musiker)
„Es ist faszinierend zu sehen, dass dieses Gebäude in seiner Wirkung aufgrund seiner Zerstörung einen Endpunkt erreicht hat. Dadurch, dass es zerstört ist, ist es nicht mehr nutzbar. Es steht nur noch als Mahnmal. Es ist ein Fragment, das ergänzt werden soll. Das ist das Faszinierende an einem Fragment, die Herausforderung. Auch der Geschichte können wir nur fragmentarisch begegnen. Das Faszinierende ist die eigene Projektion. Dadurch, dass man etwas hineinsteckt, entsteht Energie, Kraft, Liebe, Beziehung. Das ist eine enorme Schöpferkraft.“

„Das andere Interessante ist, dass es eine der ältesten Kirchen von Hannover ist – die älteste Kirche sogar. Ich finde, es ist ein offener Platz zum Glück. Er wird gepflegt, aufgeschlossen, abgeschlossen zur Nacht, damit er nicht verwüstet wird. Er ist ein Kunst-Raum, ein Mahnmal, und er kann auch – hier ist ein Altar und auch ein Kreuz – eine Kirche sein, das ist nicht zu trennen, und ich würde es schade finden zu sagen, das ist nur ein Kunstraum. Er hat mich persönlich herausgefordert dadurch, dass er nicht nur ein Kunstraum ist, sondern auch erinnert an diese unsägliche Geschichte und diese unsägliche Tat, der Welt die Atombombe zu bringen.“

Wolfgang Camlott (Hauswart der Aegidienkirche)
„Ich sage immer, ‚ich habe meine eigene Kirche. Ich muss in gar keine reingehen, ich habe meine eigene Kirche.‘ Das ist in erster Linie eine Gedenkstätte, ein zentrales Mahnmal, so wird es richtig ausgedrückt. Aber es ist auch eine Kirche, wie der Name ja schon sagt. Immer noch finden Gottesdienste darin statt. An Tagen wie Totensonntag sind viele Menschen ganz anderer Nationalitäten da, die Ungarn z.B. legen einen Kranz nieder. Und sonst kommen die Kinder morgens aus den Schulen hierher. Da wird dann von der Hiroshima Glocke erzählt. Das ist schon gut, dass die Kinder aufgeklärt werden. Da steht auch die Platte ‚Unseren Toten‘, da fragen die Kinder schon: ,Was war denn hier los? Was ist denn das: unsere Toten?‘. Die fragen mich, und dann sag ich ihnen: ‚Derjenige muss nicht hier gestorben sein, der kann im Krieg umgekommen sein. Es gibt welche, da weiß man gar nicht, wo sie gefallen sind. Aber man wird noch daran denken, das ist der Sinn der Sache.‘“