Die Zerstörung der Aegidienkirche: Ein Zeitzeuge erinnert sich


von Ingrid Frank

Ich treffe mich mit Helmut Selch; er wohnt in Laatzen, Hannoverscher Plattenbau, funktional, eine Wohnung im vierten Stock. Er mag die Aussicht in die Weite. Er wohnt hier zusammen mit seiner Frau, sie bietet Selbstgebackenes an. An den Wänden Bilder der Wahrzeichen der Städte, die sie zusammen besucht haben. Herr Selch erzählt mir aus seiner Kindheit:

„Splitter- und Altmetallsammeln war wichtiger als Schularbeiten machen“
„Wir wurden im Oktober 1943 ausgebombt. Wir haben in der Ebhardtstraße 1 gewohnt, da, wo jetzt der Kubus ist. Wir wohnten ‚über den Dächern von Paris‘, wir guckten von da über die Altstadt, hatten also ein wunderschönes Zuhause: hohe Räume, später waren sie dann noch höher ... aber da sind wir noch nicht. Als wir ausgebombt wurden, war ich zehn Jahre alt.“

„Es ging schon damit los, dass bei uns relativ wenig Geld zu Hause war. Das war allgemein so, und meine Schwester bekam denselben Puppenwagen alle Jahre wieder zu Weihnachten, das war ein alter Holzwagen. Der bekam dann mit Akribie neue Farben und neue Blumen aufgetragen.“

„1942 wurde meine zweite Schwester geboren. Großmutter hat die neue Schleiflackküche mit Bürste und Ata gescheuert. Das Leben war schon geprägt vom Krieg, auch durch den Fliegeralarm. Ich bin 1939 in die Schule gekommen, im April. Es dauerte nicht lange, ein halbes Jahr später wurde die Schule Reservelazarett. Ich ging zur Volksschule in der Meterstraße, daneben war dann auch gleich eine Mädchenschule. Wir hatten dann abwechselnd in der Mädchenvolksschule oder im Lyzeum Unterricht, da hatten wir sehr häufig auch nachmittags Unterricht. Da kam dann alles zusammen, so dass ich am Ende der Schulzeit mit den Unterbrechungen von 1944–1945, wenn ich großzügig bin, auf 5–6 Jahre Volksschule komme. Zeitweise hatten wir nur zwei Tage Schulunterricht, aber nur ein paar Stunden. Dann bekamen wir was auf, aber so richtig war das nichts. Splittersammeln und Altmetallsammeln war wichtiger als Schularbeiten machen. Wir sammelten Flaksplitter und später dann auch Bombensplitter, das war alles ganz schön heftig. Dann gab es Lebensmittelmarken, dadurch dass wir Kinder hatten und Säuglinge – 1945 kam dann meine jüngste Schwester – hatten wir immer so ein bisschen was Besonderes. Da gab es dann Vorzugsmilch oder so was. Die Säuglinge kriegten immer was Besseres. 1945–46 war die Vollmilch nämlich sehr durchsichtig, da hatte die nicht so einen Fettgehalt wie heute die Magermilch, manchmal schimmerte das so richtig bläulich, also mehr Molke als Milcheiweiß.“

„Das Schrecklichste war der 8./9. Oktober 1943“
„Es ging trotzdem irgendwie zu leben. Das Schrecklichste war der 8./9. Oktober 1943, als auch die Aegidienkirche zerstört wurde. Wir waren im Bauamtshaus, was damals links vom Rathaus stand, saßen da im Luftschutzraum. Das war ein Gewölbekeller, ziemlich sicher, aber sehr hellhörig, das machte die Sache nicht einfacher. Und nach diesem Angriff, wo auch zwei Bomben dieses Bauamtshaus getroffen hatten, da hat es dann zweimal gekracht, ohne vorher zu pfeifen. Solange es pfeift, ist die Sache nicht so schlimm, aber wenn es dann anfängt zu krachen, und es nur ganz kurz pfeift, wird es gefährlich. Da muss man sehen, dass man irgendwo den Kopf einzieht. Wir waren da eingeschlossen, und die Lüftung funktionierte nicht mehr, die musste dann mit der Hand betrieben werden. Da habe ich das erste Mal erlebt, was der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist. Die Frauen haben gekämpft, die haben diese schwere Maschine, dieses Gebläse gedreht. Die Männer haben in der Ecke gesessen und haben gezittert. Das ist für mich auch ein Stück Prägung gewesen. Wir sind dann rausgeholt worden über verschiedene Kellergänge ins Rathaus und sahen, dass da überall Feuer war. Wir kamen dann bis hinten zum Ententeich (Maschteich), sehr viel hat gebrannt, und es war dann auch Feuersturm. Wir lagen im Maschpark und wussten nicht, wo der Vater, wo die Brüder waren und eine Großtante, die in unserer Wohnung lebte, die waren zu Hause geblieben. Wir haben gedacht, da brennt alles, da ist keiner rausgekommen. So haben wir die Nacht verbracht.“

„Ein Mann rannte Stunden um Stunden durch den Park und rief nach seiner Frau, das war schlimm! Wir haben uns dann getroffen und festgestellt, dass wir alle noch leben, ‚hoppla wir leben‘, wie später einmal ein Buchtitel lautete. Wir wurden verpflegt, es wurde eine Sammelstelle eingerichtet, eine Verpflegungsstelle, wo wir zu essen und zu trinken kriegten, und in Wülfel stand dann ein Sonderzug bereit. Wir wurden evakuiert, erstmal nach Wennigsen, da wurden wir auf Bauernhöfe verteilt. Die Bauern waren alles andere als erfreut.“

„Da hatte ich einige Angriffe mit zu überstehen, das gehörte mit zum Leben“
„Mein Vater war im Rüstungsbau tätig, und deshalb kriegten meine Eltern und die Kinder, die Schwestern, ein Zimmer in der Langensalzastraße. Die Schulklassen kamen dann in die Kinderlandverschickung, und die Mittelstufe, das war die 5. und 6. Klasse, die kamen nach Polle an der Oberweser, und die 7. und 8. Klasse waren unten in der Burg untergebracht, und die 9. und 10., die waren Luftwaffenhelfer bzw. Soldaten. Und als Luftwaffenhelfer hatten sie auch Schulunterricht, aber sie kamen mit zunehmender Kriegsdauer immer weniger zum Schlafen. Da konnten sie ihren Notabschluss machen. Mein Vater hat dann dafür gesorgt, dass ich wieder zur Familie kam, und dann hab ich vom September 1944 bis zu meiner Heirat da mit gewohnt und habe da auch das Kriegsende erlebt. Da hatte ich auch einige Angriffe mit zu überstehen. Das gehörte mit zum Leben, man hatte gar keine Zeit. Man musste auch sehen, dass man was zu essen kriegte und so.“

„Und 1945 wurde dann noch die jüngste Schwester geboren, allerdings nach Kriegsende. Wir waren so viele Leute, dass wir uns bei zwei Kaufleuten eintragen konnten. Einer hatte immer was. Und da konnte man hier mal kaufen und da mal kaufen. Wir hatten genug Marken, schlechter war es für die, die alleinstehend waren. Aber einen Säugling durchbringen war auch nicht einfach. Meine älteste Schwester ist 1935 geboren, die ist mehrfach in den Tieffliegerbeschuss reingekommen. Die war noch länger da bei Alstrup in der Nähe und musste wieder nach Hannover, kriegte ein paar Kartoffeln mit aufgesackt. Und dann kam der Tiefflieger. Die haben auch kleine Mädchen gejagt, das kam denen gar nicht drauf an, die wollten ja auch ihre Freude haben, die Soldaten.“

„Die Züge wurden häufig beschossen, da haben meine Eltern beschlossen, das geht nicht mehr, die bleibt jetzt hier. Ja, die zweite Schwester war dann ja zwei, zum Schluss, die lag nun im Kinderwagen. Wenn der Alarm kam, ist die große Schwester mit der kleinen losgepest. Die fegte dann durch den Maschpark, zum Rathaus rüber, da war der Luftschutzraum eingerichtet, die Kellerfenster waren mit Betonsteinen abgedeckt. Da stand LSR drauf, das sollte Luftschutzraum heißen, aber zu Kriegsende wurde gesagt ‚lern schnell russisch‘.“

„Krieg, das nahm man anfangs nicht ernst, das war ja noch interessant“
„Bevor wir nach 1945 weitermachen, denk ich, ist es auch noch interessant, was sich 1938 so abspielte, was ich davon mitgekriegt habe. Wir hatten eine sehr unbeschwerte Kindheit. Dass Krieg war, das nahm man anfangs nicht ernst, das war ja noch interessant. Krieg und Alarm, das war ja interessant. Wahrscheinlich haben die Eltern sehr große Angst gehabt. Der Vater war beruflich oft weg, und die Mutter, die hatte einen unverwüstlichen Humor. Um das mal deutlich zu machen: Sie hatte schon immer ein Abonnement zum Opernhaus, und dann kam da die Volksbühne oder irgendetwas anderes; da konnte kommen, was wollte, sie ging hin. Das war unsere Mutter. Die konnte so schnell nichts erschüttern. Die ging ins Theater und damit Feierabend. Anfangs waren wir ja auch noch nicht so getroffen, es gab ja mehr Alarm als dass es direkte Angriffe auf Hannover gab. Und die Hannoveraner haben sich lange darauf versteift, dass wir verschont würden, weil wir ja mit dem Königshaus aus England verbändelt waren in früheren Zeiten.“

„Die Aegidienkirche hatte die Bedeutung, dass man jeden Sonntag hin ging, zum Kindergottesdienst und dass man einen kleinen Obolus mitnahm, ob es nun ein Groschen oder ein Fünfer war, denn wie gesagt, Geld war knapp. Das kann sein, dass es kein Groschen war, sondern nur ein Fünfer und dass man den dann in den Kasten steckte, wo so ein kleiner Neger draufsaß und mit dem Kopf nickte. Das war so interessant, dass ich versucht habe, nach Möglichkeit fünf Pfennige in Pfennige zu wechseln, und dann hat das öfters genickt. Die Kirche selber? Da kann ich nichts zu sagen, außer dass sie mir sehr dunkel vorkam. Das ist mir jetzt auch bestätigt worden. Sie war recht dunkel, wahrscheinlich durch die Emporen und vor allen Dingen durch das Buntglas. Das Buntglas, das hat irgendwie so einen finsteren Eindruck auf mich gemacht. Als Gemeindezentrum hat es in meinem Leben keine Rolle gespielt, da war ich zu jung. Später, da war alles weg.“

„Hannover hatte im Sommer 1943 schon einen schweren Angriff, da wurden auch Luftminen geworfen, teilweise bevor die Brandbomben runterkamen. Die Luftminen zerstörten sehr viel, sie deckten z.B. Dächer ab Der Luftsog war ganz enorm. Und dann wurden Brandbomben hinterher geworfen, die dadurch, dass alles offen war und der Wind überall wehte, sehr großen Schaden anrichteten. Unser Haus wurde auch getroffen. Der Vater und die Brüder haben dann gelöscht, das war alles bestens.“

„Manchmal war der Alarm so kurzfristig, dass die Leute nicht mehr in den Bunker gekommen sind. Dann sind viele Leute auch vor dem Bunker gestorben. Das durfte alles so nicht erzählt werden, es wurde immer sehr vorsichtig gesprochen. Ich hatte ein Erlebnis, da hatten Erwachsene sich unterhalten und haben mich anschließend verpflichtet, dass ich ja nichts davon sagen sollte.“

„Und zwar ging es darum: Da wo heute das Ihmezentrum steht, ziemlich dicht an der Spinnereistraße, da wurde ein Bunker gebaut, und dann ging das Gerücht, das würde ein Ölbunker. Das war in Linden. Die Lindener waren ja durch die Bank weg Kommunisten, mindestens aber Sozialisten. Linden war links, Arbeiterstadt. Da haben sich einige zusammengetan und einen Protestbrief an die Gauleitung geschrieben, dass es unverantwortlich wäre, so nah an dem Wohnviertel einen Ölbunker zu bauen. Am nächsten Tag wurden alle abgeholt. Mein Vater hat zu mir gesagt: ‚Dass du ja nichts erzählst, wir werden sonst auch alle abgeholt.‘ Das war zu einer Zeit, da hatte ich schon erlebt, dass Leute abgeholt wurden. Das war ja 1938 in der Nacht, da habe ich auch gehört, dass Scheiben kaputt gingen und gejohlt wurde. Den Lärm habe ich gehört und habe erst am nächsten Tag mitgekriegt, was denn los war, dass bei uns unten ein Weißwarengeschäft zerstört war. Wir sind dann unten gewesen in dem Laden. Die Leute wohnten bei uns im Hause, das war die Familie Binnheim, die hatten das Weißwarengeschäft. Das Geschäft war dann geschlossen, wir wussten nicht, warum und wieso. Wir wussten, dass die diesen Stern tragen mussten. Wir Kinder hatten von unseren Eltern keinen Hass eingeimpft gekriegt, keine Vorurteile. Mein Vater war Sozialdemokrat, mehr ein Sozialist, der war da sowieso dagegen. Aber was sollte er machen? Er hatte eine Familie. Das ist das Problem gewesen für viele Leute, was hinterher keiner verstehen konnte. Mein Vater konnte das nur so hintertreiben, wie es ihm irgendwie möglich war. Ich erinnere mich, dass wir dann unten in dem Laden mit der Frau Binnheim zusammen waren, und ich hab da immer reingefasst, die hatte so schöne Knöpfe und alles. Das war interessant. Ich habe mich auch gewundert, dass die Scheiben kaputt waren und so. Da spielte ich so mit den Knöpfen und meine Mutter sagte ‚lass das mal‘. Und da sagte die Frau Binnheim, ‚Ach Jung spiel damit, und nimm dir mit soviel du möchtest!‘ Und sie sagte zu meiner Mutter: ‚Ist ja sowieso alles weg.‘ Kurze Zeit später waren die Leute dann auch weg.“

„Man kriegt schon ein Gespür, besonders kriegt man ein Gespür für das, was echt ist und das was nicht echt ist: Wenn einem einer mal ne Scheibe Brot gab, weil man Hunger hatte, und als Kind oder Jugendlicher hatte man immer Hunger und zu der Zeit besonders, dann wusste man es schon etwas besser. Dann war das ein verlässlicher Mensch, auch wenn der selber sehen musste, dass er durchkam. Das sind so Kleinigkeiten manchmal.“