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Ich treffe mich mit Helmut Selch; er wohnt in Laatzen, Hannoverscher Plattenbau, funktional, eine Wohnung im vierten Stock. Er mag die Aussicht in die Weite. Er wohnt hier zusammen mit seiner Frau, sie bietet Selbstgebackenes an. An den Wänden Bilder der Wahrzeichen der Städte, die sie zusammen besucht haben. Herr Selch erzählt mir aus seiner Kindheit:
„Wir wurden im Oktober 1943 ausgebombt. Wir haben in der Ebhardtstraße 1 gewohnt, da, wo jetzt der Kubus ist. Wir wohnten ‚über den Dächern von Paris‘, wir guckten von da über die Altstadt, hatten also ein wunderschönes Zuhause: hohe Räume, später waren sie dann noch höher ... aber da sind wir noch nicht. Als wir ausgebombt wurden, war ich zehn Jahre alt.“ „Es ging schon damit los, dass bei uns relativ wenig Geld zu Hause war. Das war allgemein so, und meine Schwester bekam denselben Puppenwagen alle Jahre wieder zu Weihnachten, das war ein alter Holzwagen. Der bekam dann mit Akribie neue Farben und neue Blumen aufgetragen.“
„Das Schrecklichste war der 8./9. Oktober 1943“
„Da hatte ich einige Angriffe mit zu überstehen, das gehörte mit zum Leben“
„Die Züge wurden häufig beschossen, da haben meine Eltern beschlossen, das geht nicht mehr, die bleibt jetzt hier. Ja, die zweite Schwester war dann ja zwei, zum Schluss, die lag nun im Kinderwagen. Wenn der Alarm kam, ist die große Schwester mit der kleinen losgepest. Die fegte dann durch den Maschpark, zum Rathaus rüber, da war der Luftschutzraum eingerichtet, die Kellerfenster waren mit Betonsteinen abgedeckt. Da stand LSR drauf, das sollte Luftschutzraum heißen, aber zu Kriegsende wurde gesagt ‚lern schnell russisch‘.“
„Bevor wir nach 1945 weitermachen, denk ich, ist es auch noch interessant, was sich 1938 so abspielte, was ich davon mitgekriegt habe. Wir hatten eine sehr unbeschwerte Kindheit. Dass Krieg war, das nahm man anfangs nicht ernst, das war ja noch interessant. Krieg und Alarm, das war ja interessant. Wahrscheinlich haben die Eltern sehr große Angst gehabt. Der Vater war beruflich oft weg, und die Mutter, die hatte einen unverwüstlichen Humor. Um das mal deutlich zu machen: Sie hatte schon immer ein Abonnement zum Opernhaus, und dann kam da die Volksbühne oder irgendetwas anderes; da konnte kommen, was wollte, sie ging hin. Das war unsere Mutter. Die konnte so schnell nichts erschüttern. Die ging ins Theater und damit Feierabend. Anfangs waren wir ja auch noch nicht so getroffen, es gab ja mehr Alarm als dass es direkte Angriffe auf Hannover gab. Und die Hannoveraner haben sich lange darauf versteift, dass wir verschont würden, weil wir ja mit dem Königshaus aus England verbändelt waren in früheren Zeiten.“ „Die Aegidienkirche hatte die Bedeutung, dass man jeden Sonntag hin ging, zum Kindergottesdienst und dass man einen kleinen Obolus mitnahm, ob es nun ein Groschen oder ein Fünfer war, denn wie gesagt, Geld war knapp. Das kann sein, dass es kein Groschen war, sondern nur ein Fünfer und dass man den dann in den Kasten steckte, wo so ein kleiner Neger draufsaß und mit dem Kopf nickte. Das war so interessant, dass ich versucht habe, nach Möglichkeit fünf Pfennige in Pfennige zu wechseln, und dann hat das öfters genickt. Die Kirche selber? Da kann ich nichts zu sagen, außer dass sie mir sehr dunkel vorkam. Das ist mir jetzt auch bestätigt worden. Sie war recht dunkel, wahrscheinlich durch die Emporen und vor allen Dingen durch das Buntglas. Das Buntglas, das hat irgendwie so einen finsteren Eindruck auf mich gemacht. Als Gemeindezentrum hat es in meinem Leben keine Rolle gespielt, da war ich zu jung. Später, da war alles weg.“ „Hannover hatte im Sommer 1943 schon einen schweren Angriff, da wurden auch Luftminen geworfen, teilweise bevor die Brandbomben runterkamen. Die Luftminen zerstörten sehr viel, sie deckten z.B. Dächer ab Der Luftsog war ganz enorm. Und dann wurden Brandbomben hinterher geworfen, die dadurch, dass alles offen war und der Wind überall wehte, sehr großen Schaden anrichteten. Unser Haus wurde auch getroffen. Der Vater und die Brüder haben dann gelöscht, das war alles bestens.“ „Manchmal war der Alarm so kurzfristig, dass die Leute nicht mehr in den Bunker gekommen sind. Dann sind viele Leute auch vor dem Bunker gestorben. Das durfte alles so nicht erzählt werden, es wurde immer sehr vorsichtig gesprochen. Ich hatte ein Erlebnis, da hatten Erwachsene sich unterhalten und haben mich anschließend verpflichtet, dass ich ja nichts davon sagen sollte.“ „Und zwar ging es darum: Da wo heute das Ihmezentrum steht, ziemlich dicht an der Spinnereistraße, da wurde ein Bunker gebaut, und dann ging das Gerücht, das würde ein Ölbunker. Das war in Linden. Die Lindener waren ja durch die Bank weg Kommunisten, mindestens aber Sozialisten. Linden war links, Arbeiterstadt. Da haben sich einige zusammengetan und einen Protestbrief an die Gauleitung geschrieben, dass es unverantwortlich wäre, so nah an dem Wohnviertel einen Ölbunker zu bauen. Am nächsten Tag wurden alle abgeholt. Mein Vater hat zu mir gesagt: ‚Dass du ja nichts erzählst, wir werden sonst auch alle abgeholt.‘ Das war zu einer Zeit, da hatte ich schon erlebt, dass Leute abgeholt wurden. Das war ja 1938 in der Nacht, da habe ich auch gehört, dass Scheiben kaputt gingen und gejohlt wurde. Den Lärm habe ich gehört und habe erst am nächsten Tag mitgekriegt, was denn los war, dass bei uns unten ein Weißwarengeschäft zerstört war. Wir sind dann unten gewesen in dem Laden. Die Leute wohnten bei uns im Hause, das war die Familie Binnheim, die hatten das Weißwarengeschäft. Das Geschäft war dann geschlossen, wir wussten nicht, warum und wieso. Wir wussten, dass die diesen Stern tragen mussten. Wir Kinder hatten von unseren Eltern keinen Hass eingeimpft gekriegt, keine Vorurteile. Mein Vater war Sozialdemokrat, mehr ein Sozialist, der war da sowieso dagegen. Aber was sollte er machen? Er hatte eine Familie. Das ist das Problem gewesen für viele Leute, was hinterher keiner verstehen konnte. Mein Vater konnte das nur so hintertreiben, wie es ihm irgendwie möglich war. Ich erinnere mich, dass wir dann unten in dem Laden mit der Frau Binnheim zusammen waren, und ich hab da immer reingefasst, die hatte so schöne Knöpfe und alles. Das war interessant. Ich habe mich auch gewundert, dass die Scheiben kaputt waren und so. Da spielte ich so mit den Knöpfen und meine Mutter sagte ‚lass das mal‘. Und da sagte die Frau Binnheim, ‚Ach Jung spiel damit, und nimm dir mit soviel du möchtest!‘ Und sie sagte zu meiner Mutter: ‚Ist ja sowieso alles weg.‘ Kurze Zeit später waren die Leute dann auch weg.“
„Man kriegt schon ein Gespür, besonders kriegt man ein Gespür für das, was echt ist und das was nicht echt ist: Wenn einem einer mal ne Scheibe Brot gab, weil man Hunger hatte, und als Kind oder Jugendlicher hatte man immer Hunger und zu der Zeit besonders, dann wusste man es schon etwas besser. Dann war das ein verlässlicher Mensch, auch wenn der selber sehen musste, dass er durchkam. Das sind so Kleinigkeiten manchmal.“ |
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